Hä, gehts hier nicht ums Kochen...? Ne, heute reden wir über Fremdenfeindlichkeit!

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Mir geht es im Moment wie vielen Anderen, ich bin entsetzt, wütend und auch hilflos angesichts der Fremdenfeindlichkeit, die sich wie eine Krankheit auszubreiten scheint. Menschen, die bei facebook, vor Flüchtlingsheimen, Pegida-Demos oder sonst wo ihren Quatsch wie "Das Boot ist voll", "Ich hab nix gegen Ausländer, aber..." oder "Die leben im Luxus und wir haben nix" absondern, haben keine Ahnung und fühlen sich oft als die Verlierer der Gesellschaft, auch Angst vor Fremdem und Anderem spielen eine Rolle. Diese Aussprüche sind übrigens, wenn man sich bei facebook umsieht, noch harmlos, aber das nur nebenbei.

Auch die Bloggerwelt lässt das nicht kalt. Es gibt viele tolle und richtige Statements von Bloggern, es gibt "Blogger für Flüchtlinge", eine großartige Initiative von Bloggern, die jetzt schon über eine enorme Zahl an Mitgliedern, einen beeindruckenden Spendenstand und gute Beiträge zu den unterschiedlichen Dimensionen dieses Themas verfügt. Auch ich bin Mitglied dieser Gruppe und überlege nicht erst seitdem, welchen Beitrag ich leisten kann. Ich habe einen Foodblog, einen kleinen, und ich ich wollte mich nach dem Motto "Mein Blog - meine Wohlfühlzone" auf Kochen, Backen und Essen beschränken.
Aber das ist jetzt für mich nicht mehr angesagt, weil es genug ist und sich die Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit breit aufstellen müssen.

In vielen Artikel, Talkrunden oder Videos haben Journalisten, Prominente und Nichtprominente Stellung bezogen und sich deutlich positioniert, hier ein paar Videobeispiele, falls Ihr die noch nicht kennt:









Ich finde, die eigene Wut zu äußern und sich deutlich von patriotischen Vollidioten abzugrenzen total gut und wichtig. Mich beschäftigen aber auch immer die Möglichkeiten, wie wir daran in Zukunft was ändern können und dann komme ich zu der Frage nach den Gründen. Deshalb hier mal drei Punkte, die für mich eine große Rolle spielen.
1. Der Umgang mit Fremdenfeindlichkeit im Alltag

Zum einen ist es wichtig, Stellung zu beziehen, eine Haltung zu haben und im eigenen Alltag zu äußern und dafür einzustehen. Jeder kennt Sprüche wie "Ich hab nix gegen Ausländer, mein bester Freund ist Türke, aber..." oder "Seitdem die Rumänen hier wohnen, wird hier ständig eingebrochen, das ist eine Tatsache" "Mit mir im Bus waren nur ein paar Russen, da war mir schon unwohl". Da fängt Rassismus an, Punkt. Menschen werden nicht als Individuen, sondern als Teil einer Gruppe oder Nationalität betrachtet. Für mich entsteht daraus im Alltag die klare Konsequenz, dazu was zu sagen! Sind Deutsche gemeint, wird die Staatsangehörigkeit ja auch nicht erwähnt. Auch die eigene Denke müssen wir reflektieren, viele Vorurteile haben wir schon ganz früh kennengelernt und übernommen. Ändern kann man das aber immer noch. 

2. Die Frage nach dem Warum

Ich bin ja Sozialarbeiterin, deswegen treibt mich diese Frage sehr um. Soziale Arbeit kommt auf der Suche nach der Lösung nur schwer an dem Warum vorbei. Die Verknüpfung von unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen (Psychologie, Soziologie, Pädagogik,  Politik, Rechtswissenschaften, Geschichte) eröffnet uns die Möglichkeit, Problemen wie Fremdenfeindlichkeit auf den Grund zu gehen. 
Ich finde es gut, wenn Leute wie Joko und Klaas mit viel Reichweite und Followern deutlich sagen, wie erbärmlich und dumm solche Menschen sind. Ist so, sind wir uns einig. Aber ich frage mich immer, wie kommt es dazu? Was ist passiert, dass Menschen Flüchtlingsheime anzünden oder mit ihrem Klarnamen bei facebook wieder nach Gaskammern schreien? 
Leider gibt es nicht DIE Antwort, das Thema ist hochkomplex. Fremdenfeindlichkeit hat u.a. mit sozialer Benachteiligung, mangelnder Bildung und dem Mangel an Kontakten zu anderen Nationalitäten zu tun.

Ich denke beim Thema Benachteiligung oft an die Hartz IV-Gesetzgebung mit dem Grundsatz Fördern und Fordern. Meiner Meinung nach hat das die Stigmatisierung von Menschen ohne Job sehr gefödert, mehr als im vorherigen System von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld, da geht viel Selbstwertgefühl über die Wupper. Theater, Kino, Bio-Essen, Kleidung werden zum puren Luxus. Schwer, sich da nicht ausgegrenzt zu fühlen. Auch das Gefühl, dass die Politiker "da oben" machen was sie wollen, ist ja weit verbreitet, zu oft zu Recht.

Bildung: ein wichtiges Thema, ein Schlüsselthema! Was Bildung angeht, so muss man klar sagen, dass gerade hier in Deutschland nicht alle die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben, viel ist vorgezeichnet durch Bildungsstand der Eltern, der Nationalität und den finanziellen Möglichkeiten. Sogar so banale Dinge wie ein Name spielen eine Rolle. Die Namen Kevin oder Chantal stehen stellvertretend dafür, leider ist das wirklich so. Bildung ist im Übrigen ein Schlüsselthema bei vielen Problemen und Mißständen, deshalb ist die Investition in ein gutes Bildungssystem so immens wichtig. Und leider liegt Deutschland im europäischen Vergleich etwa im unteren Drittel, ein Armutszeugnis. 
In den Schulen geht es um die Vermittlung des Lernstoffs, da bleiben Meinungsbildung und Diskussionskultur auf der Strecke. Das dritte Reich wird ein-, zweimal in der Schullaufbahn als für sich stehendes Thema behandelt, die Tragweite und unsere daraus resultierende Verantwortung kann damit nur schwerlich klar werden. 
Kontakte mit anderen Nationalitäten, anderen Lebenswelten können schon Kinder machen, in Kindergarten oder Schule, wenn es die Eltern wollen. Schulen mit vielen Nationalitäten werden oft von Eltern gemieden, gerade wegen dem hohen Ausländeranteil. Hoher Ausländeranteil = viele Probleme.
Auch wir haben da so unsere Erfahrungen. Wir haben uns bei beiden Kindern für Schulen in der Nähe entschieden. Unsere ältere Tochter ist auf eine Schule gegangen, die keinen hohen Ausländeranteil hatte. Bei unserer jüngeren Tochter ist es eine Schule geworden, in der es viele Nationalitäten gibt. Einfach war / ist es auf beiden Schule nicht, das ist Fakt. Ich habe zwei intelligente Kinder, die in der Schule viel lernen, auch das ist Fakt. Meine jüngere Tochter lernt aber gerade in ihrer Schule ganz nebenbei, die unterschiedlichsten Nationalitäten und Namen kennen, ohne das zu bewerten, auch Fakt und keine Sozialromantik. Natürlich ist das als Lösungsansatz zu einfach. Ich will damit nur verdeutlichen, dass Kinder, aus welchen Land sie auch kommen, voneinander lernen und profitieren können und deutsche Kinder nicht (wie oft behauptet) dabei auf der Strecke bleiben.
Um das klarzustellen, Verstehen heißt für mich nicht Akzeptanz! Ich hege kein Verständnis für Menschen, die andere vergasen wollen oder auf Flüchtlingskinder urinieren oder beim Bier über klauende Rumänen zetern. Aber wir müssen den Dingen auf den Grund gehen. Diese Menschen werden an ihrer Haltung vermutlich nicht viel ändern, aber wir können solchem Denken für die Zukunft den Nährboden entziehen. 


3.  Politik und Medien

Diese hassgeladene Stimmung / Lage ist eine Katastrophe mit Ansage. Politiker haben auf allen Ebenen immer wieder dazu beigetragen, dass sich dieses Klima entwickeln konnte. In Dortmund können sich Rechte seit Jahren ausbreiten, Politik und Polizei haben mit dazu beigetragen. Zum Thema Dortmund hier an dieser Stelle ein Artikel, der in der Süddeutschen erschienen ist. Auch zu uns nach Unna schwappt diese braune Suppe über, die Reaktionen darauf sind übersichtlich.
Wenn Politiker, auch wenn die Zahlen klar dagegen sprechen, massenhaften Asylmissbrauch (Beispiel Horst Seehofer) beklagen um sich im Wahlkampf Applaus und Zustimmung zu sichern, so befeuern sie damit auch die Wut, die sich zum Beispiel bei den Pegida-Demos so heftig gezeigt hat. Auch durch das Schweigen im Walde, das Fischen am rechten Rand und Tatenlosigkeit kann sich fremdenfeindliches Denken ausbreiten. Auch das Analysieren der Gründe und daraus zu handeln, ist versäumt worden. Da nützt es auch nicht viel, dass jetzt diese Vorgänge aufs Schärfste verurteilt werden. Jetzt muss es endlich viel Geld in Aussteigerprogramme, Integrationsprojekte, Jugendarbeit, Bildung, Förderung und vieles mehr gesteckt werden.

Medien, ein anderes, wütendmachendes Thema. Allen voran marschiert die BILD-Zeitung, die Ressintements gegen Flüchtlinge, Ausländer und Andersgläubige schürt. Gerade wird da ja total pro Flüchtlinge geschrieben, aber sie hat leider viel zu oft gezeigt wes Geistes Kind sie ist. Ein paar Beispiele gefällig?
Bildblog.de kann da weiterhelfen...
 



Und das ist nur eine klitzekleine Auswahl, BILD macht das schon seit zig Jahren so und leider ist diese Zeitung für viele die Informationsquelle schlechthin, weil sie sich angeblich traut, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen und die Dinge total vereinfacht mit Schwarz-Weiß-Denke und einem klaren Feindbild darstellt.  BILD wird immer wieder vom Deutschen Presserat abgemahnt für solch eine Berichterstattung, für die Macher kein Grund zum Umdenken. Denn so wird Auflage gemacht, mit "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht"  (Da muss ich doch an dieser Stelle mal DIE ÄRZTE zitieren).

Das an dieser Stelle von mir zum Thema. Fühlt euch eingeladen und ermutigt, hier Eure Meinung loszuwerden (gerne auch kontrovers!), ich würde mich freuen!





Viele Grüße, Christina 







Kommentare

  1. Liebe Christina,

    vielleicht hast du einen kleinen Blog – auf jeden Fall aber einen ganz besonders feinen. :)

    Deinen Breitag finde ich mutig und richtig und ehrlich gesagt auch erfrischend vielschichtig. Ich habe beim Lesen ganz oft kräftig genickt und mich gefreut, dass du so viele Dinge angesprochen hast, die mir auch am Herzen liegen.

    Deine Unterscheidung zwischen "verstehen" und "akzeptieren" finde ich ganz großartig. Da bin ich ganz deiner Meinung: Akzeptieren kann ich Rassismus so gar nicht – in keiner Form und zu keiner Zeit. Die Frage nach dem Warum ist aber trotzdem ganz wichtig. Denn nur durch Draufhauen kommen wir ja auch nicht weiter.
    Ganz platt kann man doch sagen: Ne schwere Kindheit und schwierige Verhältnisse sind keine Entschuldigung oder sogar Rechtfertigung – aber eben zumindest eine Erklärung.
    Und was die Bild angeht: Penner. Nettere Worte kann ich für die einfach nicht mehr finden.

    In diesem Sinne: Danke fürs Teilen und über den Tellerrand hinaus bloggen. Ich fand es ganz, ganz klasse! <3

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  2. Liebes du bist echt schneller als ich... ich bastel schon seit Juli an einem Post... lösche und fange wieder von vorn an... Du hast recht und Mundaufmachen ist wichtig!

    lg
    Michaela

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    1. Meine Liebe, ich habe wie du geschrieben, gelöscht, geschrieben, gelöscht. War schwierig, habe ich echt nicht gedacht. Danke auch für deinen Post, du hast so recht! Und deine Beobachtung in Calais ging mir unter die Haut...
      Ich drück dich!

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  3. Toller Text, liebe Christina! Punkt 1 (IMMER widersprechen) ist echt unglaublich schwierig, vor allem, wenn dann solche Sätze in der Familie auftauchen. Aber ich gebe mein bestes (und so oft kommt es glücklicherweise auch nicht vor)!

    Liebe Grüße
    Nele

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  4. Liebste Schwester! Du hast ja so recht. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass die Jugendlichen bis vor kurzem noch der festen Überzeugung waren, dass so etwas wie im NS in Deutschland nicht noch einmal passieren könnte. Wir werden nun eines besseren belehrt. Das Problem in der Schule ist allerdings nicht, dass dieses Thema zu wenig behandelt wird, sondern sogar extrem oft. Ich behandele das Thema allein in meinen zwei Fächern in vier Jahrgansstufen: Deutsch Klasse 7 ("Damals war es Friedrich"), Deutsch Klasse 8 ("Der gelbe Vogel"), Religion Klasse 9 (Kirche im NS), Religion Jgst. Q2 (ehem. Stufe 13) (Kirche & Politik: Barmer Theologische Erklärung). Vor einiger Zeit gab es auch in der Oberstufe in Deutsch entsprechende Pflichtthemen (Der Vorleser, Mario und der Zauberer). Hinzu kommen die Fächer Geschichte, Sowi und Politik, in deren Lehrplan das Thema ebenfalls verankert ist. Ich kann zwar nur für das Gymnasium sprechen, aber hier mache ich die Erfahrung, dass die Schüler so oft mit dem Thema konfrontiert werden, dass sie nur "Oh bitte nicht schon wieder!" stöhnen. Wo liegt also das richtige Maß, dass das Thema ausreichend Raum bekommt und den Schülerinnen und Schülern nicht das Interesse verloren geht? Es macht allerdings Mut, dass die Jugendlichen angesichts der aktuellen Situation sehr engagiert diskutieren und Stellung beziehen. Bleibt zu hoffen, dass sie dies auch mit in den Alltag nehmen und in herausfordernden Situationen nicht verstummen.
    Hoffnungsvolle Grüße
    deine Schwester Katrin

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    1. Meine liebe Schwester, auch an dieser Stelle noch ein Statement und nicht nur am Telefon ;) Das ist für mich eine interessante Information und lässt mich auch fragen, was denn dann das richtige Maß ist oder ob es vielleicht noch um was ganz anderes geht? Nicht aufhören mit denken, reden und diskutieren, das sind meiner Meinung nach auf jeden Fall wichtigste "Basics".

      <3

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